Seid klug wie die Schlangen

Überlegungen zu christlichen Internetpräsenzen   •   oder: Was wusste Jesus schon von HTML?

Von Ralf Roschinski      •       Email: rro@klugeschlangen.de       •       Kontakt   /  Datenschutz

Willkommen ...

Wie man Seitenbesucher von der Gemeinde fernhält

Eine nicht gerade seltene Merkwürdigkeit auf etlichen Gemeinde-Webseiten ist das Weglassen der postalischen Anschrift, nachdem man den Besucher zunächst in großen Buchstaben herzlich willkommen geheißen hat. Wohin soll er denn nun kommen, um die versprochene Herzlichkeit live genießen zu können? Das herauszufinden überlässt man häufig ihm selbst, und das kann für ihn ein anstrengendes Unterfangen sein. Denn die Versteckmöglichkeiten der Adresse sind zahlreich und die Gemeinden beherrschen das Versteckspiel virtuos.

Die nachfolgend skizzierte 'Visitor Journey' durch die Webseite einer fiktiven Gemeinde ist nicht gänzlich frei erfunden.


Soviel Willkommen!
Alle sind herzzerreißend willkommen. Nur wo?

Ein freundliches "Willkommen" auf der Gemeinde-Start­seite wärmt mich an. Sonntags um 10 Uhr, soviel wird mir verraten, ist Gottesdienstzeit. Für den Fall, dass ich mich zu einem Besuch entschließen sollte, halte ich Ausschau nach der Adresse. Auf Anhieb sehe ich keine und suche wenig­stens nach einem Stichwort, das mir das wohlgehütete Geheimnis zu offen­baren verspricht. "Kontakt" könnte es sein. Ein Klick darauf eröffnet aber nur ein Mailformular, auf dem es unter anderem auch "Pflicht­felder" gibt. Sollte ich es etwa pflicht­bewusst ausfüllen, um die Mitteilung der Adresse per Mail zu erbitten?

"Wir über uns" käme noch in Frage. Schließlich werden sie doch selber wissen, wo sie sich versammeln. Aber dort finde ich lediglich ein paar religionskundliche Informationen, mit der die Gemeinde quasi um Verständnis für ihren etwas exotischen Standpunkt wirbt.

Schließlich klicke ich auf "Impressum". Als gebildeter Mensch und als geübter Internetsurfer (unterhalb dieses Niveaus will die Gemeinde offenbar niemanden reinlassen) weiß ich, das ein Anbieter im Internet seinen Namen, Postanschrift und andere Kontaktmöglichkeiten leicht zugänglich anzugeben hat. Hier werde ich also mit Sicherheit fündig. Überrascht stoße ich dort aber nur auf eine unansehnliche Textwüste mit der Überschrift "Haftungsausschluss". Von einem Impressum keine Spur. Keine Adresse, kein Telefon, kein Name. Doch – ein Name steht ganz unten drunter. Der eines Rechtsanwaltes. Mir scheint fast, sie erwarten von der Anrufung seines Namens soetwas wie Heilung. Seltsame Leute.

Jesus zum Schadensbringer umstilisiert

Beim Überfliegen des Textes bekomme ich eine Gänsehaut. Die Tonalität der Sprache, bislang freundlich-persönlich, hat sich versteinert. Paragrafen werden mir entgegengehalten. Von Schäden ist die Rede, für die niemand haftet, sofern ich den Ratschlägen auf diesen Seiten zu folgen gewagt haben sollte. Irritiert denke ich an die Verheißung, die ich auf der Startseite gelesen hatte: "Jesus Christus spricht: Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid. Ich will euch erquicken." Das klang aber ganz anders. Hier jedoch meint die Gemeinde, Jesus Christus könne mir Schäden zufügen. Und sie haftet nicht einmal dafür. Das ist ja zum Fürchten!

Soll ich wirklich weiter nach der Adresse dieser Gemeinde suchen?

... Nein Danke!


Abhilfe

Wenn die Gemeinde erreichen will, dass Menschen nicht nur ihre Webseite besuchen, sondern auch aufs Gemeindegelände kommen, dann ist die Straßenadresse eine prominente Information. Und prominente Informationen gehören auch prominent platziert. Deshalb ist es nur klug, wenn der Besucher einer Gemeindewebseite nicht erst nach der Adresse suchen muss. Die sollte immer in seinem Gesichtsfeld erscheinen.

Meine Empfehlung:
Deutlich sichtbar im oberen Teil jeder Seite anbringen, siehe Beispielbilder.

Adresse sichtbar  Adresse sichtbar

Eine Gemeinde ist für mich eine Bodenstation des Himmels. Sie ist immer ein Stück Reich Gottes. Eine Einladung in die Gemeinde ist folglich immer eine Einladung ins Reich Gottes. Und eine solche Einladung wird in Matthäus 22 mit einer Einladung zu einer Hochzeitsfeier verglichen. Wer hat schon jemals eine Einladung zu einer Hochzeitsfeier erhalten, bei der er die Adresse selbst herausfinden musste?