Seid klug wie die Schlangen

Überlegungen zu christlichen Internetpräsenzen   •   oder: Was wusste Jesus schon von HTML?

Von Ralf Roschinski      •       Email: rro@klugeschlangen.de       •       Kontakt   /  Datenschutz

Wort-Ozean Internet

Ein Plädoyer für Souveränität beim Texten

Die Vereinfachung des Publizierens seit der Popularisierung des Internet hat der Welt einen nicht enden wollenden Tsunami an Worten beschert. Jeder kann mit Minimalaufwand veröffentlichen, unabhängig von der Relevanz seines Themas oder der Genießbarkeit seiner Formulierungskünste. Von dieser "Freiheit des Wortes" wird ausgiebig Gebrauch gemacht. Jeder glaubt eine Rede halten zu können, nur weil er ein Mikrofon halten kann.

Die Masse der Worte entspricht jedoch häufig nicht ihrer Aussagestärke oder Sinnhaftigkeit. Es wird viel drauflos geschrieben, denn es kostet ja nichts. Worte sind billig geworden, mit der Folge ihres Werteverfalls. Eine ganze Menge von dem, was auf Webseiten geschrieben steht, kann man nicht wirklich ernst nehmen.

Das lässt Spielraum für Anbieter, die mit bedachtsamen, gehaltvollen Worten auftreten und somit einen angenehmen Kontrast zur Masse des Geschwät­zes bilden. Eine Herausforderung gerade für Christen. Hat sich doch ihr Herr mit der Schwäche der Menschen, im Unsicherheitsfalle die Wortproduktion in die Höhe zu treiben, kritisch auseinandergesetzt und Empfehlungen gegeben. Und er hat gewarnt: Ihr werdet einmal Rechenschaft ablegen müssen über jedes unnütze Wort, das ihr geredet habt.

Eure Rede sei JaJa / NeinNein

Wir kennen zum Beispiel auch diese Äußerung von Jesus: Eure Rede sei ja ja... Das sollte man nicht zu eingeengt auf eine klassische Eid-Situation beziehen. Da wir nicht gerade jeden Tag vor der Aufforderung stehen, irgend­etwas zu beschwören, scheint dieser Ratschlag kaum einen aktuellen Nutzwert zu haben. Er spielt im realen Alltag keine Rolle. Scheinbar.

Sofern man Jesu Aussagen eng auslegt, hat man natürlich Ruhe vor ihnen. Jesus hat dann eben mal ins Leere gesprochen. Geht mich zur Zeit nichts an. Oder er hat auf Vorrat gesprochen. Vielleicht kommt ja mal ein Tag, an dem es soweit ist. Wahrscheinlich ist das nicht. Denn ich habe nicht vor, mich in irgendeine Situation zu begeben, in der ich einen Eid leisten müsste. Und vor Gerichten wird das Beweismittel des Eides kaum noch angewandt.

Jesus: Leute, bleibt cool!

Ich halte es für unwahrscheinlich, dass Jesus an Sonder­situationen gedacht hat, als er seine Empfehlung aussprach. Gewöhnen wir uns besser an den wesentlich bodennaheren, aber ungemütlicheren Gedanken, dass er völlig standardmäßige Alltags­situationen im Blick hatte. Zum Beispiel jegliche Form wortreicher Beteuerungen: „Das musst du mir aber glauben...“, „ganz bestimmt – ich weiß es genau, 100%“, "Wir erklären ausdrücklich...". Und jede andere Ausuferung von Wichtigkeitsgetue um eigene Standpunkte und Behaup­tungen. Was Jesus empfiehlt ist: Sagt was ihr wisst und sagt was ihr denkt. Das muss genügen. Und wenn die Zuhörer das anzweifeln – bleibt cool. Die Leute sollen sich dran gewöhnen, dass auf eure Worte Verlass ist. Ihr redet nicht drumrum und ihr redet keinen Stuss.

Hoffentlich. Denn das Nichtschwören setzt Disziplin im Umgang mit Wort­beiträgen voraus. Nur sagen, was ich weiß, aber auch Unsicherheiten zugeben. Nur behaupten, was ich auch beschwören(!) könnte, wenn ich das denn wollte. Wenn ich mich erstmal in Rage geredet habe, ist es zu spät.

Auch eine Webseite ist eine Rede. Auch sie verlangt Disziplin beim Texten. Auch sie kann „ja ja / nein nein“ sein oder wortreiches Geschwafel. Auch Gemeinde-Webtexte sind oft durchsetzt mit Aussageverstärkern, Beteuerungen, Eindringlichkeiten und anderen Versuchen, der Wichtigkeit und Richtigkeit eigener Behauptungen Beweiskraft zu verleihen. Ein Zeichen für Souveränität ist das nicht. Auch nicht für Nachfolge.